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Begegnungen
Mein Saarbrücken – Unterwegs mit dem Urban-Art-Künstler Patrick Jungfleisch alias Reso

Mein Saarbrücken – Unterwegs mit dem Urban-Art-Künstler Patrick Jungfleisch alias Reso

Dunkelheit, Adrenalin, Schnelligkeit – davon lebt Graffitikunst. Eigentlich. Manchmal jedoch dürfen Künstler auch mit ganz offiziellem Auftrag die Spraydose in die Hand nehmen und großflächig loslegen, bei Tageslicht und mit Hebebühne. So, wie die 15 internationalen Kunstschaffenden, die zwischen März und August 2017 zwölf Fassaden in der Saarbrücker City in große Kunstwerke verwandelten.

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Diese dauerhaft bleibende Freiluftgalerie wurde noch im gleichen Jahr als Parcours Urban ArtWalk vorgestellt. Sie soll in den kommenden Jahren stetig weiter wachsen. Und so trifft man in den Straßen von Saarbrücken immer wieder auf neue Häuserkunst, sieht geometrische Formen, knallbunte Flächen, überdimensional große Zitronenhälften, ein Auge, Zufallsbegegnungen. Auf dem Urban ArtWalk kann man sich die Innenstadt von Saarbrücken mit ihren Altstadtvierteln, Gässchen und dem zentralen St. Johanner Markt gut erlaufen und ins fast französische Flair der Stadt eintauchen. Eine Website zum Urban ArtWalk hilft beim Finden der Kunstwerke – und erklärt sie auch gleich.

Graffitikunst mit Buchstaben

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Patrick Jungfleisch hat das Projekt kuratiert und gemeinsam mit dem saarländischen Ministerium für Bildung und Kultur und dem Galeristen Benjamin Knur realisiert. Der Saarbrücker mit Familie in New York und Frankreich war seit den 1980er-Jahren international als Graffitikünstler unterwegs („als Kind fand ich natürlich die bemalten Wagen der New Yorker U-Bahn toll und wollte auch so was machen“). Über 100 Häuserwände tragen seine Kunstwerke. Irgendwann beschloss der heute 45-Jährige dann aber, die Spraydose gegen Leinwand und Pinsel einzutauschen. Stark vom emotionalen und grafischen Spiel mit Buchstaben geprägt ist seine Kunst aber geblieben.

Szenequartier “Nauwieser Viertel”

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Nauwieser Viertel und Altstadt von Saarbrücken - © Oliver Raatz

Uns zeigt der Künstler und Galerist einige der ArtWalk-Stationen – und seine Lieblingsplätze in der saarländischen Landeshauptstadt. „Das Lebensgefühl in Saarbrücken ist für mich perfekt“, meint Reso, „die Menschen sind von der Mentalität her sehr offen, wir haben ungewöhnlich viele erstklassige Cafés und Restaurants – und es gibt auch eine Menge Orte mitten in der Stadt, wo man zur Ruhe kommen kann.“ Gern streift Reso, wenn er überhaupt mal die Zeit dazu hat, durchs Nauwieser Viertel – er mag das alternative Flair dort und trifft sich zum Beispiel mit Freunden oder Geschäftspartnern gern im Restaurant „Herzenslust“ oder im Café „Kostbar“. In letzterem sitzt man ganz gemütlich in einem begrünten Hinterhof beim Cappuccino und internationalen, oft vegetarischen Gerichten. Hier, in Nauwies, gibt es übrigens eine Menge Graffitis – und viele gehören gar nicht zum offiziellen Urban ArtWalk. Spannend und sehenswert sind sie aber trotzdem, weshalb man mit offenem Blick durchs hier so bunte Saarbrücken streifen sollte. Wir haben auf jeden Fall Zeit dazu, denn mit Reso im Schlepptau kommt man eh nicht so schnell voran. Der Mann, dessen Künstlername Reso auf das französische Wort reseau anspielt – Netz oder Netzwerk – ist wirklich gut bekannt hier. Er trifft immer wieder Bekannte und hält auf einen kurzen Plausch an. „Das ist doch toll“, meint er, „dass Saarbrücken mit seinen gut 180.000 Einwohnern gerade noch die Größe hat, dass es eine reelle Chance gibt, Freunde auch mal zufällig zu treffen.“

Chillen an der Saar

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Wir spazieren weiter, vorbei an der Alten Feuerwache, die heute Spielstätte des Saarländischen Staatstheaters ist. Unser Ziel ist der St. Johanner Markt im Herzen Saarbrückens, wo sich Café an Restaurant und Restaurant an Café reiht und wo an lauen Sommerabenden lange das Leben spielt. Reso lädt uns auf eine Currywurst bei Kalinski ein. „Das ist eine Institution hier, das muss sein“, meint er grinsend, „es ist die beste der Welt.“ Nebenan, in seiner Lieblingsbäckerei Brot & Sinne holt er noch schnell ein paar Schokocroissants und Brot – der Laden hat wirklich französisches Flair, man merkt hier in der Stadt überall die Grenznähe. Anschließend schlendern wir in Richtung Saar, wo die Menschen jetzt am Spätnachmittag auf der Wiese am Wasser sitzen, um ihren Feierabend zu genießen, zu chillen und zu grillen. Auf dem Weg dorthin, in der Bismarckstraße 1, kommen wir an Resos Beitrag zum Urban ArtWalk vorbei. „Out of this World“ heißt das abstrakte, riesige Kunstwerk in kühlen Blau-Tönen.

Graffiti wird salonfähig

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Urban Art in der Saarbrücker Innenstadt - © Oliver Raatz

Noch ein ganzes Stück flanieren wir am Wasser entlang, genießen das Laissez-faire, das diese kleine Metropole so groß macht. Am Ulanen-Pavillon, einem Biergarten fast am Wasser, drehen wir um. Und finden auf dem Rückweg zur Galerie schon wieder so viele interessante Graffitis. Reso fotografieren wir noch einmal unter einer Brücke mit gesprayten Fabelwesen, die schon wieder nicht zum offiziellen ArtWalk gehören. Schön sehen sie trotzdem aus. Der Urban-Art-Künstler erzählt, dass die Stadt Saarbrücken Graffiti-Kunst mittlerweile fast schon fördert, gerade hier unten an der Saar dürfe man die Brücken vielerorts ganz offiziell verschönern. Und in der Tat: An grauen Betonpfeilern hat man Schilder aufgehängt: „Graffiti-Kunst-Freifläche“ steht darauf.

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Dunkelheit, Adrenalin und Schnelligkeit sind in Saarbrücken also gar nicht mehr unbedingt integrale Bestandteile der Graffitikunst. Fast ein bisschen schade. Aber auch schön, dass die jungen Nachwuchskünstler jetzt ohne Nervenkitzel ihre Kunst in die Öffentlichkeit bringen dürfen.

Mehr Infos zu Saarbrücken: https://tourismus.saarbruecken.de 
Zu Reso: http://www.reso1.de 
Und zum Urban ArtWalk: https://artwalk.saarland/de 

Fotos: Oliver Raatz

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