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Natur braucht kein Mensch

Auf Rangertour im Nationalpark Hunsrück-Hochwald

Zwischen den Bäumen am Nationalparktor Keltenwall in Otzenhausen hängen die letzten Fetzen des Frühnebels, die Sonne erhebt sich über die Wipfel und das ferne Klopfen eines Spechtes schallt aus dem schwarzgrünen Dickicht. Eine geführte Rangertour in den Nationalpark Hunsrück-Hochwald ist mehr als ein Waldspaziergang. Sie führt abseits der Wege durch normalerweise gesperrte Zonen zu den großen und kleinen Wundern eines Urwalds direkt vor unserer Haustür.

Von Pfaden und Pfädchen

Ranger Peter Keller ist ziemlich genau das, was man sich unter einem Ranger vorstellt. Auf dem Kopf trägt er den markanten Ranger-Hut, auf der Brust prangen Wappen und Abzeichen des Nationalparks, der Händedruck des ausgebildeten Försters ist kräftig. Man ist sich sofort sicher, die nächsten drei Stunden unter dem Blätterdach des Nationalparks gut aufgehoben zu sein. Nach Begrüßung und Abstimmung der Route im Schatten des sogenannten Mannfelsens – es geht quer durch den Forst bis zum Keltischen Ringwall und von dort zurück zum Nationalparktor – heißt es Rucksackriemen festgezurrt und abmarschiert. Die ersten Meter führen über einen breiten Waldweg, aber schon bald schwenkt Peter Keller auf einen der schmalen Pfade, die eigens für die Rangertouren im Park angelegt wurden.

Von Fliegenpilzen und Korallenpilzen

Die Idee des Nationalparks ist die Rückkehr zu einem unberührten Wald, einem Urwald, wie er vor den Eingriffen des Menschen Jahrtausende das Land bedeckte. Bereits mehr als 28% der 10.000 Hektar Nationalpark sind nahezu unberührte Naturfläche, alle zehn Jahre sollen 25% hinzukommen. Derzeit sieht man beim Streifzug durch das Waldgebiet Flächen in verschiedenen Stadien auf dem Weg zum Urwald. Das feuchte Wetter des Spätsommers hat entlang des Pfades knallrote Fliegenpilze und goldgelbe Korallenpilze emporschießen lassen, auf dem weichen Waldboden regt sich allerorts eifrig das Leben. Hier erklimmt eine kleine Erdkröte den bemoosten Stamm einer Buche, dort wimmeln fleißige Arbeiterinnen über ihren imposanten Ameisenhügel rund um den Stamm einer alten Fichte.

Von Fichten und Buchen

Noch wechseln sich kleine Nadelbaum-Haine, junge Birken und Buchen ab. „Fichten wurden gepflanzt, um möglichst schnell an gerades Holz etwa für den Hausbau zu kommen. Der Baum, der eigentlich hierhergehört, ist die Buche“, weiß der Ranger. „Dahin wollen wir zurück: ursprüngliche Wälder mit altem Buchenbestand. Hier und da sieht man schon Abschnitte, in denen der Wald so ist, wie er in 100 Jahren mal aussehen soll.“ Das Rezept ist einfach und zugleich eine der größten Herausforderungen für den Menschen – die Natur einfach machen lassen. Die Rangertour zeigt, dass der Wald sehr gut ohne die Hilfe des Menschen zurechtkommt und in den unangetasteten Waldstücken spürt man, wie unbedeutend wir dem mächtigen Gefüge aus Natur und Zeit gegenüberstehen. Dann, fast urplötzlich und in gewaltigen Ausmaßen, erhebt sich nach etwa zwei Stunden Wanderung der Keltische Ringwall zwischen den Stämmen des dichten Waldes.

Von Steinen und Steinchen

230.000 m² Steine, das entspricht einem gefüllten Containerzug von München bis Otzenhausen, haben seine Erbauer ab 500 v. Chr. für den Bau des Walls bewegt. Trotz seiner Größe, hat sich die Natur das Bauwerk in weiten Teilen zurückerobert. Dass der Nordwall noch so gut zu besichtigen ist, ist der Sisyphos-Arbeit früherer Generationen und den Nationalparkmitarbeitern zu verdanken. Sonst wäre auch dieser Abschnitt unter den Wurzeln des Waldes verschwunden. So kann man aber auch heute den beeindruckenden Blick von der Spitze des Walls weit über den Nationalpark genießen. Im Inneren des Ringwalles finden sich Spuren seiner früheren Bewohner, aber auch jüngeren Datums. „Der Ort zieht noch heute viele Menschen magisch an – besonders die, die sich der keltischen Kultur nahe fühlen“, erklärt Peter Keller. Mit einem wunderbaren Blick auf den Stausee Nonnweiler und die Primstalsperre führt der Weg talwärts zurück zum Nationalparktor. 

Die Natur macht ihr Ding

Nach rund drei Stunden Wanderung schält sich der Mannfelsen am Nationalparktor erneut aus dem Grün des Waldes. Zum Abschied klopft der Specht und hinter den grünen Buchenblättern, im dichten Unterholz, macht die Natur, was sie bereits seit Jahrmillionen macht und hier auch in Zukunft machen darf: ihr Ding.

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